Titel

Die „Rhein“, die in den Rhein fiel
Die versunkene Lok

Uwe Breitmeier, Bernhard Forkmann und Horst Müller (v. l.) am Rhein mit einem Modell der Lok Foto: Projektbüro Bartenbach
Man schreibt den 14. Februar des Jahres 1852, die Lokomotive „Rhein“ ist  auf dem Weg zu Ihrem Bestimmungsort, der Düsseldorf - Elberfelder Eisenbahn-Gesellschaft. Die Maschine stammt aus der Maschinenfabrik von Emil Keßler in Karlsruhe und weil es 1852 zwischen Karlsruhe und Düsseldorf noch keine Schienenverbindung gibt, wird die Lok auf den Frachtsegler Stadt Coblentz verladen. Er soll die Maschine auf dem Rhein nach Köln bringen, von wo aus die Lok aus eigener Kraft nach Düsseldorf fahren soll. Doch bei Germersheim gerät das Schiff in einen Sturm und stößt an der Germarkung von Mechtersheim mit einer Böschungsbegrenzung zusammen. Die Lok reißt sich los, stürzt in den Rhein und bleibt in einer Tiefe von etwa 15 Metern liegen. Im folgenden März startet der Erste von mehreren Bergungsversuchen. Dazu werden Ketten auf den Flussgrund gelegt und mit Hilfe von rund 100 Männern und der Strömung unter der Lok durchgezogen. Mit mehreren Hubschiffen, gelingt es dann, die Lok einige Meter anzuheben. Doch die Lok rutscht aus den Ketten und versinkt erneut im Fluss. Auch eigens aus England angereiste Spezialtaucher sind aufgrund der starken Strömung nicht in der Lage, zur Lok hinabzusteigen. Schließlich muss die  „Rheinische Assekuranz-Gesellschaft“ die Bergungsversuche einstellen und die Lok zu einem Versicherungsfall erklären. Die Maschinenfabrik Keßler erhält Ende Mai 1852 die Versicherungssumme von 25.000 Gulden, was einem heutigen Wert von rund 360.000 Euro entspricht, ausgezahlt.

In den folgenden Jahren gerät die Lok in Vergessenheit. Auch ein 1925 durchgeführter Hebeversuch eines Unternehmers blieb erfolglos. In den 1960er Jahren hörte Horst Müller, Lokführer aus Cochem, von der Geschichte und war seitdem fast fanatisch darauf bedacht, die Lok ausfindig zu machen. 1992 bildete Horst Müller zusammen mit dem Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein und dem Geophysiker Bernhard Forkmann der TU Freiberg eine Forschungsgruppe, um die Lok zu lokalisieren und zu heben. In vielen Jahrzehnten trug Horst Müller Informationen zusammen, recherchierte in Archiven und übertrug die Daten alter Rheinkarten auf die heutigen. Damit konnte er die Lage der Lok im Jahr 2010 auf den Bereich der Rheinbuhne 527 nördlich der Zufahrt zum Germersheimer Rheinhafen bei Rheinkilometer 387 eingrenzen. Mit Echolot-Messungen im Jahr 2015 konnte an der ermittelten Stelle tatsächlich ein großes Objekt gefunden werden. Weitere Messungen mit einem Bodenradar bestätigten die ersten Untersuchungen. Das Team um Horst Müller war sich nun hunderprozentig sicher dass die „Rhein“ gefunden wurde, denn der magnetische Fußabdruck passte exakt auf die ermittelten Maße der Lok. Die Bergung wurde daraufhin auf den 21. Oktober 2018 terminiert.

Im September 2018 begann eine Spezialfirma damit, die Buhne bei Germersheim abzugraben. Nachdem mehrere Schichten Kies abgetragen wurden, stand allen Verantwortlichen jedoch das Entsetzen ins Gesicht geschrieben: In der Buhne liegt keine Lok. Daraufhin wurde die Bergung am 2. Oktober 2018 für gescheitert erklärt und die Buhne wieder aufgebaut. Als Ursache für die Bodenanomalien wurden bei näherer Betrachtung Steine mit hohem Eisengehalt, sogenanntes Quarzit, ausfindig gemacht, die beim Bau der Buhne verwendet wurden. Die Steine liegen allerdings auch nur dort. Andere Buhnen in der Umgebung zeigten bei Messungen keine Auffälligkeiten. Dennoch sind die Forscher weiter überzeugt, dass die Lok im Bereich der Buhne 527 liegen muss, denn alle Rechercheergebnisse deuten darauf hin. Das Team um Horst Müller will deshalb weitermachen, um das Rätsel der „Rhein“ im Rhein vielleicht doch eines Tages lösen zu können.