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 Fahrgäste? Fehlanzeige
Ein Zugbegleiter berichtet 31.03.2020 - 16:21

Fahrgäste? Fehlanzeige

Die meisten Geschäfte am Bahnhof sind geschlossen, auf dem Perron warten nur wenige Reisende. In den Zügen herrscht gähnende Leere. Über Radio und Fernsehen wird sogar davor gewarnt, den öffentlichen Verkehr zu nutzen. Irgendwie eine surreale Situation. Eine Situation, die kaum jemand für möglich gehalten hätte. Meine Arbeit lebt vom Kundenkontakt. Von unzähligen spannenden und aufregenden Begegnungen mit den Reisenden. Als Gastgeber stehe ich meinen Kundinnen und Kunden sonst mit Rat und Tat zur Seite. „Kundenservice” hiess mal das Zauberwort. Heute lautet es „Social Distancing”, soziale Distanz.

Nicht nur die Züge, auch Bahnhöfe sind derzeit wie ausgestorben. Das öffentliche Leben ist zur Ruhe gekommen. Foto: Joël Müller
Meine Arbeitstage plätschern aktuell so dahin. Wir Kundenbegleiterinnen und Kundenbegleiter verhalten uns auf den Zügen möglichst passiv und verzichten grösstenteils auf die Billettkontrolle. Wir halten Abstand zu den Fahrgästen und im Pausenraum unterhalten wir uns mit der nötigen Distanz. Wo sonst Hektik und Stress herrscht, treffe ich heute auf eine entschleunigte Gesellschaft. 

Zugegeben: Mir fehlt der sonst so pulsierende Alltag. Ich sehne mich nach den Kontakten in den Zügen. Und ja: Manchmal fehlen mir die vollgestopften Züge. Die ausserordentliche Lage in unserem Land verlangt von uns allen viel ab. Wir passen unseren Alltag den aktuellen Gegebenheiten an. Auch der öffentliche Verkehr bleibt davon nicht verschont. Der reduzierte Fahrplan fordert von mir und meinen Kolleginnen und Kollegen einiges an Flexibilität. Von einem Tag auf den anderen wurden unsere Dienstpläne über den Haufen geworfen. Unsere Personaleinsatzplaner erarbeiten unter Hochdruck die neuen Dienstpläne. Eine Mammutaufgabe. Dank guter Zusammenarbeit und gegenseitiger Rücksichtnahme halten wir die Bahn am Laufen - damit die Schweiz nicht ganz zum Stillstand kommt.

Eines möchte ich aber betonen: Noch immer habe ich den besten Job der Welt. Als ich vor wenigen Tagen im leeren Zug sass, mir die Sonne ins Gesicht schien und ich die Augen schloss, musste ich mir eingestehen: Ich geniesse trotz vieler Einschränkungen im öffentlichen Raum eine grosse Freiheit. Dank meinem Beruf reise ich auch heute noch quer durch die Schweiz. Ich bin nicht komplett vom sozialen Leben abgeschnitten und komme noch immer zu genügend Bewegung. Notstand fühlt sich irgendwie anders an. Während bei uns Hektik und Stress pausieren, gehen diese andernorts so richtig los. Was in Spitälern und anderen Gesundheitseinrichtungen aktuell geleistet wird, verdient allergrössten Respekt. Danke! Merci! Grazie!  (Joël Müller)

• Joël Müller, Jahrgang 1997, arbeitet als Kundenbegleiter bei den SBB. Von seinen täglichen Zugtouren durch die Schweiz berichtet er regelmäßig in seinem Blog „EinfachRetour” und auf Twitter

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