Titel

Das schwerste Zugunglück der deutschen Geschichte
Genthin - Die vergessene Katastrophe


Die Unfallstelle im Bahnhof Genthin. [1]
Ereignet sich ein schweres Eisenbahnunglück in Friedenszeiten, erregt es meistens großes öffentliches Interesse. Die Bevölkerung verlangt nach Antworten und Aufklärung, wie es dazu kommen konnte. Anders verhält es sich, kommt es in Kriegsjahren zu einem solchen Ereignis. Die staatlichen Stellen haben in diesem Fall kaum Interesse daran, schlechte Nachrichten zu vermelden, könnten diese doch die Stimmung im Volk negativ beeinflussen. So geschah es auch am 22. Dezember 1939 als im Bereich des Bahnhofes Genthin der D180 auf den D10 auffuhr. Dabei verloren mindestens 186 Menschen ihr Leben und über 100 wurden verletzt. Die Kriegspropaganda und die gleichgeschalteten Medien sorgten aber dafür, dass das Unglück im Deutschen Reich kaum bekannt wurde.

Am 22. Dezember 1939, wenige Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, herschte im vorweihnachtlichen Reiseverkehr großer Andrang. Obwohl seit Kriegsbeginn Privatreisen erheblich eingeschränkt worden waren, Militärzüge hatten nun Vorrang, bemühte sich die Reichsbahn mit den wenigen noch verfügbaren Reisezügen einen einigermaßen geordneten Betrieb zu gewährleisten. Dennoch waren die Züge nicht selten völlig überfüllt, wie auch der D10 an diesem Tag.  Der Zug war gegen 23:15 Uhr in Berlin Potsdamer Bahnhof abgefahren und sollte am Morgen das saarländische Neunkirchen erreichen. Ihm folgte der D180, der um 23:45 Uhr Richtung Köln Hauptbahnhof abfuhr. Wegen der kriegsbedingten Verdunklung verzögerte sich beim D10 der Ein- und Ausstieg an den Unterwegshalten. Zudem war die Strecke noch durch einen Militärzug besetzt, und so hatte der Zug in Brandenburg bereits rund 30 Minuten Verspätung aufgelesen. Der nachfolgende D180 hielt dagegen nur in Potsdam und sollte dann bis Magdeburg durchfahren. Dadurch verringerte sich der Abstand der Züge zunehmend. Unmittelbar vor Genthin fuhren beide Züge nur noch im Blockabstand. Um nicht zu stark vom Fahrplan abzuweichen, fuhr das Personal des D180 den Zug „scharf”, das bedeutet der Zug näherte sich den Halt zeigenden Signalen mit höherer Geschwindigkeit und wurde erst im letzten Moment gebremst, in der Hoffnung, das Signal werde noch auf Fahrt schalten bevor der Zug zum Stillstand kam. Damit wollte der Lokführer, Rudolf Wedekind, das zeitraubende Anfahren aus

Die Unfall-Lokomotive wurde noch bis ins Jahr 2001 eingesetzt  [2]
dem Stand vermeiden. So folgte der D180 dem D10 einigermaßen reibungslos - bis zur Blockstelle Belicke. Dort überfuhr der D180 das Halt gebietende Blocksignal.

Eigentlich hätte nun das System der Induktiven Zugsicherung (INDUSI) den Zug per Zwangsbremsung zum Stehen bringen müssen, aber die INDUSI-Einrichtung an der Lokomotive 01 158 hatte kurz zuvor einen Schaden erlitten und war zur Reparatur ausgebaut worden. Normalerweise hätte die Lok in diesem Fall gar nicht eingesetzt werden dürfen, aber unter dem Eindruck des kriegsbedingten Lokmangels fragte niemand nach diesem Sicherheitsaspekt. Der Blockwärter in Belicke, Gustav Jakob, griff jedoch zum Telefon, alarmierte einen Schrankenposten und seinen Kollegen, Friedrich Seeger, im Stellwerk Genthin-Ost und wies diese an, den D180 zu stoppen. Der Schrankenwärter versuchte vergeblich den Zug anzuhalten, weshalb Fahrdienstleiter Seeger in Genthin mit einer roten Handlampe Haltesignale gab. Doch der sich ihm nähernde Zug war nicht der D180, sondern der D10. Dessen Personal bezog das Singal auf sich und leitete eine Schnellbremsung ein. Gegen 0:51 Uhr kam der D10 im Bahnhof Genthin zum stehen. Anstatt nun das Einfahrsignal auf Halt zu legen, versuchte Seeger auch den D180 mit der Warnlampe zu stoppen. Lokführer Wedekind und sein Heizer, Rudolf Nussbaum, nahmen ihn jedoch nicht wahr, vermutlich weil sie sich auf das noch für den D10 auf Fahrt stehende Einfahrsignal konzentrierten und nicht zum Stellwerk blickten. Nun gab es keine Möglichkeit mehr D180 anzuhalten und um 0:55 Uhr fuhr er auf den D10 auf.


Dieses Denkmal vor dem Genthiner Bahnhof erinnert an die Katastrophe [3]
Durch den Aufprall wurden die vier hinteren Wagen des D10 ineinander geschoben. Ebenso entgleisten die Lok 01 158 und sechs Wagen des D180. Die Rettungsarbeiten gestalteten sich schwierig und dauerten fast eine ganze Woche. Wegen der Verdunklungsvorschriften durften nur wenige Scheinwerfer aufgestellt werden, außerdem sanken die Temperaturen in der Nacht auf -15 Grad, so dass auch viele Verletzte erfroren. Die Zahl der Opfer wurde von der Reichsbahn mit 186 Toten und 106 Verletzten beziffert. Andere Quellen, wie auch das Denkmal vor dem Genhiner Bahnhof, nennen 278 Tote und 453 Verletzte. Die nach dem Unfall eingesetzen Ermittler sprachen nach Abschluss der Untersuchung Rudolf Wedekind die volle Schuld an dem Unfall zu. Dieser beteuerte, das Blocksignal in Belicke in der Stellung Fahrt frei erkannt zu haben. Blockwärter Jakob sagte das Gegenteil aus und seine Aussage konnte im Rahmen der Ermittlungen bestätigt werden. Wedekind wurde zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Heizer Nussbaum und Fahrdienstleiter Seeger wurden freigesprochen. Die Tatsache, dass sich auch die Lokomotive in einem nicht betriebssicheren Zustand befand, wurde nicht berücksichtigt. Allein maßgeblich für das Urteil war das missachtete Blocksignal. An das Unglück erinnert heute ein Denkmal vor dem Genthiner Bahnhof. Rudolf Wedekind war nach dem Krieg wieder als Eisenbahner tätig und noch bis 1955 beim BW Magdeburg als Lokomotivführer, Lehrlokführer und Lokfahrmeister beschäftigt, wie Wilhelm Krüger in einem Leserbrief an den verantwortlichen Redakteur des Lok Magazins, Horst Obermeyer, im Jahr 1989 berichtet.

Der einzige heute noch existierende Zeitzeuge dieses Unfalls ist die Lokomotive 01 158. Sie wurde nach dem Unfall repariert und kehrte in den Betriebsdienst zurück. Nach dem Krieg gelangte sie in den Bestand der Deutschen Reichsbahn der DDR, wo sie auf Ölfeuerung umgebaut und als 01 1531 bezeichnet noch bis zum Jahr 1981 im Reisezugdienst eingesetzt wurde. Danach wurde sie von Eisenbahnfreunden betriebsfähig aufgearbeitet und als Traditionslok vor Museums- und Sonderzügen, unter anderem auch im Rahmen des DB-Nostalgiesprogramms, bis 2001 eingesetzt. Seit 2003 steht sie als Denkmal und Ausstellungstück im Bahnbetriebswerk Arnstadt (Thüringen) und erinnert nur noch wenige Eingeweihte an ihr bewegtes Schicksal und jene tragische Dezembernacht des Jahres 1939.


Nachweise:
[1] Unbekannt / Stadtarchiv Genthin
[2] Liesel - Wikimedia Commons
[3] Doris Antony - Wikimedia Commons