Titel

Sommerhitze und ein Kabel lösen Katastrophe aus
Das Inferno von Langenweddingen


Der ausgebrannte Zug im Bahnhof Langenweddingen  [1]
Der 6. Juli 1967 war ein heißer Sommertag und niemand konnte damals ahnen, dass dieser Tag mit einem der schlimmsten Zugunglücke in die Geschichte der deutschen Eisenbahnen eingehen würde. Schauplatz der Ereignisse war die Bahnstrecke Magdeburg-Thale in der DDR. In der Ortschaft Langenweddingen kurz vor Magdeburg stieß an diesem Morgen ein Personenzug mit einem Gefahrgutlaster zusammen und löste einen verheerenden Brand aus.  Der Unfall ereignete sich an einem beschrankten Bahnübergang an der damaligen Fernverkehrsstraße 81. Über den Übergang liefen mehrere Versorgungsleitungen, unter anderem ein frei hängendes Telefonkabel der Deutschen Post. Dieses Kabel war in der Vergangenheit schon mehrfach mit den Schrankenbäumen in Kontakt gekommen. Bahn und Post war dieser Umstand bekannt, aber niemand kümmerte sich um Abhilfe. Zudem war der Bahnübergang durch den dichten Bewuchs von der Straße aus schlecht einsehbar. 

Am Morgen des 6. Juli näherte sich gegen 8 Uhr der Personenzug P 852 auf der Fahrt von Magdeburg nach Thale gezogen von der Lok 22 022 dem Bahnübergang mit etwa 85 km/h. Der Zug bestand aus zwei vierteiligen Doppelstockeinheiten, die

Der aus zwei Doppelstockeinheiten bestehende Zug ist völlig ausgebrannt. Daneben liegen die Reste des Lkw. [2]
jeweils durch einen Packwagen getrennt waren. Im Zug befanden sich rund 250 Reisende, sowie eine Gruppe von 50 Schulkindern, die in ein Ferienlager bei Thale unterwegs waren. Auf der Fernstraße näherte sich zu diesem Zeitpunkt von Norden her ein mit etwa 15.000 Litern Leichtbenzin betankter Minol-Tanklastzug dem Bahnübergang. Aus der Gegenrichtung kam ein LKW mit Busaufsatz, in welchem sich 34 Fahrgäste befanden. Das Einfahrsignal von Langenweddingen zeigte "Fahrt frei" als sich P 852 dem Bahnhof näherte. Der Fahrdienstleiter wies den Schrankenposten an, die Schranken zu schließen. Dabei verhakte sich jedoch eine der Schranken in dem Telefonkabel, welches sich durch die bereits am Morgen sehr hohen Temperaturen erneut stark ausgedehnt hatte.  Der Schrankenwärter versuchte durch mehrmaliges Heben und Senken der Schrankenbäume, diese von dem Kabel zu befreien, was jedoch nicht gelang. Der Bahnübergang bliebt geöffnet, während der Personenzug sich näherte. Zu gleichen Zeit erblickte der Fahrdienstleiter den zum Bus umgebauten Lkw und versuchte, diesen per Signalflagge zu stoppen. Den sich gleichzeitig nähernden Benzinlaster konnte er aufgrund des toten Winkels zum Stellwerk nicht wahrnehmen. Gleichzeitig versäumte er es,  das Signal für P 852 zurückzunehmen. Der Lokführer des Gegenzuges, welcher im Bahnhof wartete, erkannte jedoch die Situation und gab mit dem Makrofon seiner Lok ein Notsignal, dieses wurde aber vom Personal auf der Lok von P 852 wegen der Betriebsgeräusche der Dampflok nicht gehört. Erst etwa 30 Meter vor dem Bahnübergang erkannte das Lokpersonal die geöffneten Schranken und leitete die Schnellbremsung ein. Die Lokomotive erfasste den Benzin-Lkw und riss ihn mit den Puffern mit. Der Laster wurde gegen den Zug geschleudert wobei der Tank aufriss und das Benzin in die Wagen und auf das Bahnhofsgebäude spritzte. Das extrem flüchtige Leichtbenzin entzündete sich explosionsartig und löste einen großflächigen Brand aus. Trotz der ernormen Hitze gelang es dem Heizer der 22 022 noch, die Lok abzukuppeln und vom Zug weg zu fahren.

Als die Feuerwehr wenig später eintraf standen der Zug und das Bahnhofsgebäude lichterloh in Flammen. Weil keine Hydranten in der Nähe waren, musste erst eine Wasserversorgung von einem nahegelegenen Teich hergestellt werden. Die Löscharbeiten dauerten rund zwei Stunden und gestalteten sich aufgrund der enormen Hitze sehr schwierig. Der Brand zerstörte sowohl den Zug als auch das Bahnhofsgebäude und einige Nebengebäude, die Bahnhofsuhr blieb um 08:06 Uhr stehen. Die Zahl der Todesopfer wurde von den DDR-Behörden mit 94 beziffert, darunter auch 44 der

Auf dem Magdeburger Westfriedhof fand die Trauerfeier für die Opfer statt [3]
Schulkinder, auf dem Weg ins Ferienlager. Der Lkw-Fahrer wurde beim Aufprall aus dem Führerhaus geschleudert und starb später an den Folgen, der Lokomotivführer wurde schwer verletzt. Der Heizer erlitt beim Abkuppeln der Lok mittlere Verbrennungen.

Der Fahrdienstleiter und Schrankenwärter wurden jeweils zu Freiheitsstrafen von fünf Jahren verurteilt. Sechs Monate nach dem Unfall beschloss der Ministerrat der DDR eine neue Transportordnung für gefährliche Güter. Außerdem wurden die Schließzeiten an allen Bahnübergängen der DDR deutlich verlängert. Zugfahrten durften seitdem erst zugelassen werden, wenn die Schranken geschlossen sind. Schrankenwärter haben seitdem außerdem die Pflicht, die ordnungsgemäße Sicherung des Bahnüberganges zu bestätigen, bevor ein Hauptsignal auf "Fahrt frei" gestellt werden darf. Transportfahrzeuge, die gefährliche Fracht transportierten, mussten darüber hinaus auch bei geöffneten Schranken anhalten und Bahnübergänge durften nur dann befahren werden, wenn beide Schrankenbäume senkrecht standen. Auf dem Magdeburger Westfriedhof, wo am 11. Juli 1967 die zentrale Trauerfeier für die Opfer stattfand, befindet sich noch heute eine Gedenkstätte, die an den Unfall erinnert.


Bildnachweis:
[1] Wikimedia Commons - User:UW
[2] Wikimedia Commons - User:UW
[3]Wikimedia Commons